Anmeldungsdatum: 22.03.2005
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#1 Titel: der "monte kaolino" in hirschau
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SOMMERSKIBERG MONTE KAOLINO
Wedeln im Sand
Von Martin Cyris
Statt Schnee staubt Sand, statt Pistenraupen stehen Bagger bereit. Skifahrer in Bikini und Badehose wedeln Europas einzigen Sommersandskiberg hinunter. Auf dem Monte Kaolino in Hirschau beginnen heute die Sandski-Europameisterschaften.
Wie eine gewaltige Düne ragt der Monte Kaolino zwischen Maisfeldern und sanften Hügeln hervor. Zu seinen Füßen tummeln sich Skifahrer in Bikini und Badehose. Auf dem steilen Hang steigen rhythmisch hie und da kleine Wolken auf: Ein paar Pistensäue wedeln, dass es nur so staubt. Ein ganz gewöhnlicher Sommertag in Hirschau in der Oberpfalz.
Die Szenerie wirkt unwirklich, der Monte Kaolino wie Falschgeld in einer Landschaft, die geprägt ist von Ackerbau und Viehzucht, Kuhställen und Kirchtürmen. Doch dieser Berg in der ostbayerischen Provinz ist keine Fata Morgana. Wenngleich ganz aus Sand gebaut: Der rund 150 Meter hohe Monte Kaolino besteht aus 32 Millionen Tonnen Sand. Genauer gesagt aus grauweißem Quarzsand. Dieser wird beim Abbau von Kaolin zutage gefördert. Das seltene Mineralgestein kommt als Rohstoff in der Porzellan- und Papierindustrie zum Einsatz.
Weil die Hirschauer nicht wussten, wohin mit dem ganzen Sand, türmten sie ihn vor über 100 Jahren zu einem Berg auf. Dieser nahm als Abraumhalde im Lauf der Jahrzehnte beträchtliche Ausmaße an. "Bergbau" ist hier also durchaus wörtlich zu nehmen. 1952 schnallte sich ein gewisser Martin Götz aus dem nahen Amberg erstmals Skier unter die Füße und düste mitten im Sommer an der Südseite des Hangs hinunter - der Sandskisport war geboren. Garantiert lawinensicher und Yeti-frei.
Einziger Sommersandskiberg Europas
Noch heute ist der Monte Kaolino der einzige Sommersandskiberg in Europa. Und damit ein El Dorado für zahlreiche Brettl-Fans, die auch im Sommer nicht von ihrem Sport lassen können. Nicht Pulver- oder Pappschnee heißt die Wahl, sondern regennass oder staubtrocken. Tausende Besucher zieht es jährlich zwischen Mai und Oktober nach Hirschau, um auf dem Monte Kaolino abzufahren. Per Skier oder mit dem Sandboard. Kinder rutschen auf Plastikbobs den Hang hinunter. Auch Big Foots sind hier salonfähig. Während in den Wintersportgebieten der Alpen diese tolpatschigen Dinger oftmals belächelt werden, wird am Monte Kaolino eigens eine Meisterschaft für sie ausgerichtet: Am 2. September 2006 ist Big-Foot-Meisterschaft.
Größter Zuschauermagnet aber ist die Sand-Ski-Europameisterschaft: Am kommenden Wochenende treten rund 120 Skifahrer gegeneinander an. Vertreten sind die traditionellen Skifahrernationen: Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich. Doch die meisten Teilnehmer kommen aus Deutschland und dem nahen Tschechien. Das Nachbarland schickt fast 40 Läufer die Piste hinunter. Doch die Veranstaltung rund um die Veranstaltung ist mindestens genauso zugkräftig. Obwohl oder gerade weil die Après-Ski-Partys hier ohne Blödelbeschallung stattfinden.
Anders als der alpine Skisport auf Eis und Schnee ist Sandskifahren relativ ungefährlich. Die häufigste Verletzung nach Stürzen sind Schürfwunden, Knochenbrüche sind so gut wie unbekannt. "In den letzten fünf Jahren hatten wir gerade mal einen Beinbruch", sagt Eduard Pfab, Sportwart des Skiclubs Monte Kaolino Hirschau. Unterschätzen sollte man den Hang dennoch nicht. Mit 35 bis 40 Grad Neigung ist er relativ steil. "Als ich das erste Mal oben stand, musste ich mich schon etwas überwinden", gesteht Maximilian Maier. Der 28-Jährige aus Ingolstadt ist passionierter Skifahrer. Doch Sandskifahren ist auch für ihn neu.
"Weit in Rückenlage, dann läuft der Ski"
Am Monte Kaolino will Maier in flirrender Julihitze nachholen, was er im Winter verpasst hat. Wegen eines Auslandssemesters konnte er in der vergangenen Saison nicht auf seine Skier steigen. "Schnee und Sand sind zwei paar Stiefel", sagt Maier, "aber das passt schon." Etwas gewöhnungsbedürftig sei die Auflage, vergleichbar am ehesten mit gemütlichem Tiefschneefahren. "Weit in Rückenlage, dann läuft der Ski und es macht tierisch Spaß", erklärt er. Badehose als Fahrerkluft - was hier nicht gegen die Kleiderordnung verstoßen hätte - war ihm etwas "zu luftig". Statt dessen griff er zu Unterhemd und einer weiten Leinenhose. Während er abfahrtbereit auf dem Gipfel steht, spielen neben ihm eine Gruppe Kinder im Sand. "Macht's den Mund zu, gleich staubt's wieder", mahnt eine Mutter.
Gewöhnungsbedürftig ist auch die etwas altmodische Skiausrüstung. "Auf dem Sand fahren sich die Kanten schnell ab, da wären teure Skier einfach zu schade", sagt Eduard Pfab. Sein Skiclub verleiht Skistiefel und Skier. Auch sonst gibt es am Monte Kaolino einige Kuriositäten. Statt Pistenraupen stehen Bagger bereit. Hin und wieder müssen herunter gerieselte Sandmengen beiseite geschafft werden. "Doch der Berg ist in sich stabil", versichert Pfab. Man glaubt es ihm, immerhin stehen auf dem Gipfel zwei große Funkantennen. Stramm und kerzengerade.
Freizeitzentrum mit großen Plänen
Statt Sessellift oder Gondel gibt es ein Beförderungsmittel auf den Berg, das an eine Schiffschaukel erinnert. Und statt Schnee und Eis von den Skiern zu klopfen, tauchen die Fahrer im Ziel ihr Sportgerät in eine längliche Wanne, um den Sandstaub abzuwaschen. Nach getanem Vergnügen geht es in die Après-Ski-Hütte, die "Monte Klause". Unter Sonnenschirmen mampfen braungebrannte Skifahrer, nein, nicht etwa Sandwiches, sondern Bratwurstsemmeln. Und statt Jagertee fließt Hefeweizen die staubtrockenen Kehlen hinunter. Die Region ist eine Bierhochburg - das ist keine Überraschung. Vielmehr, dass die Zahl der vielen kleinen Lokalbrauereien, oftmals noch in Familienbesitz, vor Ober- oder Niederbayern rangiert.
Mittlerweile haben auch die Stadtväter Hirschaus erkannt, dass sich vor den Toren der Stadt keine Narbe der Natur auftürmt, sondern ein touristischer Anziehungspunkt. Im kommenden Jahr soll eine Sommerrodelbahn hinzukommen, ein neuer Lift wird gebaut. Der soll dann auch im Winter genutzt werden können. Damit Skifahren auch bei Schnee möglich ist, wird eine Flanke des Monte Kaolino mit Erdreich aufgeschüttet. Das bereits existierende Freizeitzentrum zu Füßen des Monte Kaolino wird außerdem derzeit deutlich erweitert: größerer Campingplatz, größeres Schwimmbad. Auf Wunsch vieler Gäste soll im Freibad neben der Sandliegefläche künftig auch eine Liegewiese entstehen. Aus Gras und nichts als Gras. Manchmal haben die Oberpfälzer dann doch genug von ihrem Sand.
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